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Presse

Liberté – eine energiegeladene, facettenreiche Klangvielfalt beim LJO-Konzert in Leverkusen

„Als Jugendlicher durchdringt man die Musik mit dem ganzen Körper und merkt sich die Stücke ein Leben lang!“ (S. Tewinkel)

So wird es wohl auch den Musikerinnen und Musikern dieser Jubiläumsarbeitsphase des LJOs ergangen sein, die mit Leidenschaft und großer Spielfreude musizierten:  Beethoven pur, das Violinkonzert D-Dur und die 3. Sinfonie „Eroica“. Mit ihrem Chefdirigenten Sebastian Tewinkel und der Solistin Mira Foron gelang es dem coronabedingt nur 46- köpfigen Orchester – die Besetzung wechselte in der Pause -, Beethoven vom Feinsten zu spielen, freudig, transparent, kammermusikalisch leicht.

Die orchestrale Einleitung zum ersten Satz des Violinkonzertes erklang durchsichtig, präzise in der Pauke, gesanglich in Holzbläsern und Geigen, rhythmisch klar in den Celli, unterbrochen durch kernige Tutti. Die achtzehnjährige Mira Foron, längst keine Unbekannte mehr und vielfach ausgezeichnet, fügte sich ein und überstrahlte doch alles, leichtfüßig und zugleich energisch frisch. Auch aufgrund des klaren Dirigates von Sebastian Tewinkel gelang ein wunderbares Zusammenspiel, in welchem das Orchester rhythmisch und dynamisch feinfühlig begleitete. „Das Konzert ist unheimlich offen und sensibel, man kann nichts verstecken, eine 100% ehrliche und reine Musik“, formuliert Mira es selber über dieses bedeutende Konzert in der Musikgeschichte, welches sie sich von Grund auf mithilfe der neuesten Urtextausgabe erschlossen hat. 

Hervorzuheben bei der Interpretation des Violinkonzertes ist die Kadenz, welche der türkische Pianist Fazil Say als Kompositionsauftrag des LJOs zum Beethovenjahr 2020 komponiert hat und die in diesem Konzertzyklus des LJOs uraufgeführt wird.  Hierzu Tewinkel: „Wir möchten einen Bogen schlagen in die heutige Zeit. Die Kadenz passt sehr gut zu dem Liberté – Gedanken des Konzertes. Fazel Say ist sozialer Freiheitskämpfer, der sich eindeutig positioniert zu den sozialen Bedingungen in seinem Land.“ Mira Foron ließ sich ein auf diese ganz andere, u.a. durch übermäßige Intervalle bisweilen orientalisch fremd klingende Tonsprache, bei der versteckt Motive Beethovens zu erkennen sind. Humorvoll hat Say in seine rhythmisch und bogentechnisch anspruchsvolle Kadenz programmatische Improvisationselemente (Vogelstimmen) eingebaut. Souverän entglitt Mira in eine ganz andere, freie Welt, bevor der klassische Triller sie zu Beethoven und dem Orchester zurückführte und das klangvolle Ende des ersten Satzes einläutete.

Zu Beginn des zweiten Satzes erklang ein warmer, gedämpfter Streicherklang. Dass Tewinkel generell die Tempi eher an die historische Spielpraxis anlehnte, tat besonders diesem Satz gut, in dem es anfangs gar nicht ganz leicht ist, die Spannung zu halten. Doch gelang dieses den jungen Musikern sehr gut. Es kam zu einem wunderschönen, artikulatorisch klaren Zusammenspiel von Streichern und Holzbläsern. Attacca folgte der 3.Satz des Violinkonzertes, ein Rondo, in welchem die Solovioline zunächst alleine das markante Hauptthema vorstellte und das Orchester energisch mitnahm. Tewinkel dirigierte leicht und doch kraftvoll, äußerst präzise und dadurch, dass er auswendig dirigierte, immer im (Augen-)Kontakt mit den Jugendlichen, die sehr wach mit ihm musizierten. In diesem Sinne wurde dieses Rondo - für Geige und Orchester technisch gesehen der anspruchsvollste Satz - zu einem temperamentvollen Finale mit Pauke und Trompeten.

Mit der 3. Sinfonie stand ein weiteres bedeutsames Werk Beethovens auf dem Programm, das sich für eine kleine Streicherbesetzung eignet. Der 1. Satz, ein „Allegro con brio“, lebt von einem spannungsvollen Wechsel von Gegensätzen in Bezug auf die Stimmung und dynamische Entwicklung. Das Orchester bewegte sich bereits im ersten Teil des Satzes in einer beeindruckenden dynamischen Klangvielfalt. Bewegend begann der langsame 2. Satz „Andante con moto“, ein Trauermarsch, in welchem die Geigen zunächst das gewichtige traurige Hauptthema in c-moll spielen. Bemerkenswert im gesamten dreiteiligen Satz waren die sorgfältig ausgestalteten Übergänge, zu denen Tewinkel die Musikerinnen und Musiker durch eine passende Impulssetzung animierte. Auch die Holzbläser nahmen musikalische Linien einfühlsam auf und gestalteten sie weiter; wunderbar intensiv und eindringlich die zweiten Geigen - die Dank der dt. Sitzordnung besonders präsent zur Geltung kamen - ebenso wie ein voll entfalteter Bläser- und Streicherklang. Ein zügig angestimmtes Scherzo versetzte den Hörer in einen Klangrausch, in dem es in den Streichen thematisch rumorte und in das sich die Holzbläser nahtlos einfügten. Eine weitgehend erstklassig umgesetzte, schwierige Hornfanfare bestimmte die Mitte des Satzes; eine drängende Musik, die zum Schluss in drei kraftvolle Akkorde mündete, bevor sich der vierte Satz fast attacca anschloss.

Dieses Finale begann bereits höchst temperamentvoll und auch schwierig im Orchester, wobei sich die jungen Musikerinnen und Musiker mitreißen ließen von der schnellen Tempovorgabe ihres Dirigenten. Zwar waren intonatorische Ungenauigkeiten in den Holzbläsern unüberhörbar und hier und da mochte es auch ein wenig an Transparenz fehlen, doch gestaltete sich der letzte Satz der „Eroica“ dynamisch vielfältig und mitreißend, wobei Sebastian Tewinkel durchaus jenes „gemeinsame Pulsgefühl“ aus seinem Orchester hervorlockte, das ihm so wichtig ist.

So wurde Beethoven an diesem Abend zu einem Hörgenuss auf bemerkenswert hohem Niveau, eine reife und doch jugendlich frische Darbietung des LJOs zum 50-jährigen Jubiläum!

Ursula Wiethoff-Hüning