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Teufelspack - Ein Gespräch über Ideale, Business und kleine Rotzbälger
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18.Mai 2018   Kammermusikzentrum NRW

Ich befinde mich heute in der Lobby des… nein, das bleibt besser Geheimnis, denn mein Gast wird einfach zu oft von Paparazzi umschwärmt: Es handelt sich um niemand geringeren als „die schöne Helena“, die berühmteste und sicherlich auch schönste aller zeitgenössischen Komponistinnen. Sie begrüßt mich mit einem etwas schiefen Lächeln, der Händedruck jedoch entschieden. Auch während des Gesprächs blitzt unter der beherrschten Niedergeschlagenheit immer wieder der geniale Funke einer Idealistin durch. Helena scheint eine Frau zu sein, die mehr will, als nur Geld.

Guten Morgen, Helena. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen konnten.

Guten Tag. Es freut mich auch, Sie zu sehen, nachdem Sie es ja gar nicht abwarten konnten, dieses Interview endlich zu führen.

Helena, Sie sind eine viel beachtete Dame, man nennt sie Maestra oder Grande Dame des Showbusiness. Ihre Symphonien erfuhren Uraufführungen in der Carnegie Hall, sie widmen den erfolgreichsten Solisten Konzerte - sogar für Bratsche. Wie kommt es, dass sie sich vor kurzer Zeit dem Segment der Klingeltöne zuwandten?

Nun, das ist keine schöne Geschichte, auf die ich nicht weiter eingehen möchte. Nur so viel: Ich beschäftige mich schon seit Langem mit etwas Großem, etwas Großartigem. Es ist hoffentlich nur noch eine Frage der Zeit (Anm. d. Red.: Dies ist bereits das vierte Interview, das wir führten, bei dem sie so antwortet. Aber wir sind natürlich weiterhin gespannt).

„Die hohe Kunst“, so sprach schon Goethe… wie lässt sich denn das vereinen, die Ideale einer wahren Hochkultur mit den profanen Lebensdingen - sprich: dem Brotverdienen?

Oh, was für eine Frage! Fällt Ihnen auch nur ein Künstler ein, der zu Lebzeiten nie endenden Ruhm erfuhr und damit umzugehen wusste? Auch wenn es zu heutigen Zeiten immer weniger Künstler gibt, die sich von ehrlichen Emotionen, tiefen Impulsen und unbändiger Leidenschaft leiten lassen, bin ich fest davon überzeugt, dass jeder, der nur hart genug dafür kämpft, auch davon leben kann. Ich stimme Ihnen aber zu, wenn Sie da eine gewisse Diskrepanz sehen. Auch wenn ich so tief gesunken bin sehen Sie selbst, dass auch ich von Klingeltonkompositionen leben kann. Zumindest überleben.

Da haben Sie natürlich recht. Und - können Sie die Diskrepanz überhaupt ertragen? Haben Sie auch mal Ruhe vor ihren Gedanken, die ja immer und immer um die Musik kreisen? Das muss eine enorme Belastung sein, nie frei von seinen hohen Ansprüchen zu sein!

Sie stellen wohl gern Suggestivfragen, wie? Wer sagt, dass meine Gedanken immer und immer um die Musik kreisen? Dass ich nie frei von meinen Ansprüchen bin?

Ähm, nun ja, ich hatte angenommen...

Ach, was soll es, Sie haben natürlich recht. Vom Glücklichsein kann in meiner aktuellen Situation wirklich nicht die Rede sein. Aber ich versuche, Ausgleiche zu finden. Manch andere Künstler geben sich den Drogen hin, was ich natürlich noch nie in Erwägung gezogen habe. (räuspert sich) Nun ja, ich für meinen Teil versuche, mich mit ... Bewegung abzulenken, ich ... nun ja, ich ... bin ... passionierte ... Spring... Springreiterin und ... äh, Skispringerin.

Mir scheint, Sie lieben die Extreme?

Möglich. (lacht, etwas nervös?, Anm. d. Red.)

Das ist ja sehr interessant. Als Musiker macht man sich ja in gewisser Weise unsterblich, ihre Werke werden sicherlich noch in 300 Jahren gespielt. Haben Sie insgeheim eine Vorahnung, wie Sie sterben werden, oder wie es danach mit Ihnen und der Welt weitergeht?

Hmm schwierig, ich denke (oder hoffe es wenigstens), eines Tages diese Welt nicht auf gewöhnliche Weise zu verlassen. Denken Sie an Cesar Franck, der das Unglück hatte, einer Straßenbahn zu begegnen! Nichtsdestotrotz hoffe ich natürlich, dass sich das noch lange hinzögert. Ich bin momentan fast wieder so verliebt in das Leben, wie ich es früher einmal war und möchte doch noch wenigstens ein monumentales Werk schaffen, das mich endgültig unsterblich macht. Sobald das geschehen ist, ist mir völlig egal, wann, wo und wie ich diese Welt verlasse.

Was möchten Sie noch lernen? Wovon träumen Sie? Was war Ihr bisher größter Erfolg? Gibt es etwas, was sie bereuen?

Fragen über Fragen! Nun ja, ich würde gern einmal Fallschirm springen. Seit meiner Kindheit träume ich außerdem davon, einmal ein übernatürliches Wesen, zum Beispiel einen Engel zu sehen. Mein größter Erfolg... war wohl mein Oscar für die Filmmusik zu (der Titel darf aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht abgedruckt werden, Anm. d. Red.) . Und lassen Sie sich ehrlich von mir gesagt sein? Ich bereue nur die Dinge, die ich nicht getan habe.

Was läuft in der musikalischen Früherziehung falsch, wo sehen Sie die Kunstbranche in 20 Jahren?

Oh, besonders die Arbeit mit Nachwuchsmusikern liegt mir sehr am Herzen, ich selbst bin ja auch alterstechnisch noch gar nicht so weit von ihnen entfernt. Eine Zeitlang habe ich selbst Kompositionskurse für Kinder und Jugendliche angeboten, was ich allerdings aufgrund meiner Engagements auf der ganzen Welt aufgeben musste. Ich glaube, das Problem heutzutage ist, dass den Kindern kein vernünftiger Zugang mehr zur klassischen Musik vermittelt wird. Die Eltern denken viel zu viel darüber nach, ob sich ihr Kind langweilen könnte, anstatt es einfach ins Konzert oder die Oper mitzunehmen und zu sehen, wie es darauf reagiert. Hier möchte ich auch besonders an die Eltern unter den LeserInnen appellieren: Denken Sie nicht zu viel über Ihr Kind nach, sondern verbringen Sie Zeit mit ihrem Kind, um es wirklich kennenzulernen. Es wird Ihnen schon sagen, was es davon hält.

Sie sind die erste Frau, die es tatsächlich ganz nach oben geschafft hat unter den Komponistinnen. Fühlen Sie diese enorme Vorbildfunktion, meinen Sie, es ändert sich endlich etwas?

Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Jede Frau ist anders. Aber es steckt in jeder Frau, großartiges zu vollbringen.

Wofür machen Sie Musik? Es scheint bei Ihnen nicht des Geldes wegen zu sein…

Die Musik hilft mir, mich auszudrücken, sie spiegelt mein Innerstes wider. Nur, wer mich wirklich kennt, kann meine Musik verstehen, und nur, wer meine Musik versteht, kennt mich. Wenn ich damit auch noch Geld verdienen kann, habe ich den schönsten Beruf der Welt gewählt!

Das ist doch ein schönes Schlusswort. Als Allerletztes noch eine Frage unserer Leserinnen: üben Sie manchmal vorher, was Sie am Telefon sagen?

Nein, denn ich glaube an den spontanen Impuls, der Großartiges schafft!

Das Interview mit Helena führte Magdalena Hopfenzitz.
Die schöne Helena ist in "Teufelspack - Der Tragödie einziger Teil" eine Pianistin und Komponistin, die unter einer Schreibblockade leidet. Sie hintert sie daran etwas anderes als Klingeltöne zu kreieren. Doch um ihren Traum von Ruhm, Erfolg und Reichtum zu erfüllen, ist sie bereit alles zu geben...