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Interview mit dem Komponisten Marc Vogler
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20.Juni 2017   JungeBlaeserphilharmonie NRW

Am kommenden Samstag wird die Junge Bläserphilharmonie NRW die "Ode an das Ruhrgebiet" von Marc Vogler im Rahmen der Extraschicht auf Zeche Zollverein aufführen.

Wie sah dein bisheriger musikalischer Werdegang aus?

Mit 3 Jahren saß ich das erste Mal am Klavier und habe improvisiert, was wohl meine Eltern dazu bewogen hat, mir Klavierunterricht zu bezahlen. Fortan beherrschte die Musik mein Leben. Ich habe zahlreiche nationale Wettbewerbe und Konzerte gespielt, schon recht früh Praktika an unserem städtischen Theater gemacht, weil mich Oper und Musiktheater, also Musik im Kontext, schon zu dieser Zeit sehr interessierten. Mein Orchesterdebüt gab ich 2015, seit vielen Jahren spiele ich neben Klavier auch Saxophon, Schlagwerk und Orgel, mit zwei gewonnen Gesangsstipendien in Gelsenkirchen und des Kölner Gürzenich-Chores kam schließlich auch der klassische Gesang dazu. Doch stets wollte ich in den musikalischen Sprachen, in denen ich praktisch aktiv war auch theoretisch etwas schaffen, d.h. wie schon als Dreijähriger am Klavier nicht vorgezeichnete Wege abfahren, sondern eigene erkunden, und habe angefangen zu komponieren. Ein bisheriger Meilenstein war in diesem Zusammenhang dann mit Sicherheit die Uraufführung meiner Oper nach eigenem Libretto "Streichkonzert - Con brio ohne Kohle" im Musiktheater im Revier 2016. Damit konnte ich meine Freude an "Musik im Kontext", "Musik in Zusammenhängen" in ein konkretes Werk verwandeln, meine bisherigen Erfahrungen an Instrument und Stimme einbringen sowie schließlich aus der Not eine Tugend machen und dadurch, dass ich ja plötzlich in der Lage sein musste, Proben und ein Orchester zu leiten, wurde ich mehr oder weniger autodidaktisch auch noch an das Dirigieren herangeführt. Diese Erfahrungen führten dann im Sommer 2016 zu dem endgültigen Entschluss, nach dem Abitur das Musikstudium in den Fächern Komposition als Hauptfach (bei Prof. Manfred Trojahn) sowie Klavier und Dirigieren zu bestreiten. 

Was ist die Idee hinter deinem Werk „Ode an das Ruhrgebiet“?

Die Idee hinter der "Ode an das Ruhrgebiet" ist so schlicht wie komplex folgende: Ich wollte ein Stück schreiben, dass auf mehr Ebenen als der rein musikalischen funktioniert, ein Konzeptwerk, in dem der Komponist nicht nur Tonsetzer, sondern multimedialer Künstler ist. Das Partiturbild, also die Noten, ergeben seitlich betrachtet die Konturen der Zeche Zollverein in Essen. Auf die Idee mit der Grafik haben mich die Bild- oder Figurengedichte gebracht, die es schon länger gibt. Auch in der Musik haben schon andere versucht, mit Noten Bilder zu zeichnen, doch die Stücke waren musikalisch nicht sehr anspruchsvoll. Ich wollte beides verbinden. Dieser "Kontext", den ich damit etabliere, soll sich in der Musik fortsetzen: das Motiv 'Arbeit' spielt da eine zentrale Rolle, ich versuche, mit ungewöhnlichen Schlagwerk-Instrumenten und erweiterten Spieltechniken der Blasinstrumente ein Orchester wie Maschinen klingen zu lassen, eine Sinfonie der Industrie sozusagen. 

Wie entstand die Notenbildinstallation zu deinem Werk?

Bei einer "traditionellen" Komposition muss man während des Schreibprozesses verschiedene Parameter im Kopf haben. An erster Stelle natürlich: wie ist der Klang gerade in horizontaler und vertikaler Ebene, d.h. was klingt gerade zusammen und wie ist die Struktur, was erklang zuvor, wie soll es weitergehen? Und bei so einer Notenbildinstallation kommt die Schwierigkeit hinzu, dass man zwei weitere Parameter im Kopf haben muss, während man schreibt: wie gestalte ich den Klang so, dass dessen Notenschrift auch die graphische Qualität erfüllt - nicht andersherum, die Musik sollte immer im Vordergrund stehen - und wo befinde ich mich gerade innerhalb des Konzeptes? Konkret: befinde ich mich im letzten Drittel des Stückes kann ich nicht nur im Kopf haben, dass ich jetzt klanglich eine dramaturgische Linie zum finalen Höhepunkt bauen möchte, sondern auch, dass graphisch auf dieser Höhe die Speichen des Förderturmes angesiedelt sind, die ich mit der Notenschrift abbilden muss und ebendiese Noten aber auch im konzeptuellen Zusammenhang Sinn ergeben müssen, also hier z.B. dass Pauken-Glissandi nach oben den graphisch beschriebenen Kohleförderprozess zu Tage abbilden. Zusammengefasst also keine 2- sondern eine 3-dimensionale Kompositionsarbeit.

 Was verbindest du mit dem Ruhrgebiet?

Das Ruhrgebiet ist zuallererst meine Heimat. Ich würde daraus jetzt keinen überbordenden Lokal-Patriotismus ableiten, aber natürlich schon eine emotionale Bindung. Ich mag die Herzlichkeit, die Ehrlichkeit und Offenheit der Menschen im Ruhrgebiet gegenüber Neuem und Andersartigem. Deshalb auch "Ode" an das Ruhrgebiet. Nicht, weil ich dessen blühende Landschaften lobpreisen möchte - das Ruhrgebiet ist überraschend grün! - sondern, weil ich eine Ode an die Menschen des Ruhrgebiets verfassen wollte. So wie eine einzige Trompete im Mittelteil aus dem Takt geworfene Bruchstücke des Steigerliedes über einem Meer an Dissonanz und musikalischen Störelementen des restlichen Orchesters spielt, und DENNOCH glasklar diese Regionalhymne der Ruhr herauszuhören ist, so verhält es sich auch mit den Menschen im Ruhrgebiet, die sich TROTZ dass sie in den 60er-Jahren so sehr unter dem wirtschaftlichen Umbruch gelitten haben und das Zechensterben eine ganze Region im wahrsten Sinne des Wortes "aus dem Takt geworfen hat", ihren einzigartigen Charakter bewahrt haben, der wo immer es geht "durchklingt". Aus Industriestruktur wird Industriekultur.

Wie sehen deine Pläne für die nächste Zeit aus?

Natürlich verfolge ich mein Kompositions- und Dirigierstudium weiter, aber speziell in Hinsicht auf diese Art graphisch-konzeptueller Komposition werden weitere Werke folgen. Eines ist bereits fertiggestellt und eine Uraufführung ist im Sommer 2018 inmitten des atlantischen Ozeans, 7 Kilometer vom Festland entfernt, in Planung: Dabei handelt es sich um ein dem ältesten Leuchtturm Frankreichs gewidmetes Stück, wie Zeche Zollverein auch Wahrzeichen einer ganzen Region, welches auf Anfrage eines französischen Agenten und Verlegers, der über die große Presse- und Medienresonanz im Zusammenhang mit der "Ode an das Ruhrgebiet" auf mich und diese neuartige Kunstform aufmerksam wurde, entstanden ist. Wer also im Sommer 2018 seinen Sommerurlaub in Frankreich verbringt und vielleicht in der Nähe ist, ist herzlich eingeladen, diese Konzerte auf dem 'Phare de Cordouan' zu besuchen!


Foto: Martin Schmüdderich