Loading...

Gespräch mit dem Dirigierassistenten
Alle Einträge

16.Mai 2017   Landesjugendorchester NRW

Emanuel Dantscher über sich und das aktuelle LJO-Projekt

Emanuel, kannst du uns erst einmal etwas zu deiner bisherigen Laufbahn erzählen?

Dirigieren war zwar schon immer ein Traum von mir, aber ich habe, nachdem ich Abitur gemacht habe, erst einmal ein bisschen als Regieassistent in Bremen gearbeitet. Dann habe ich mit Schulmusik angefangen. Ich hatte da auch schon im Hinterkopf später Dirigieren zu studieren, aber ich war kein Pianist und für die meisten Studiengänge ‚Dirigieren‘ muss man eben ein sehr guter Klavierspieler sein. Also habe ich fünf Semester Schulmusik studiert, aber schon nach zwei Semestern habe ich gemerkt, dass das Klarinettespielen mir so viel Spaß gemacht hat und ich nicht in die Schule wollte. Das war einfach nicht das Richtige für mich.

Dann habe ich Klarinette noch dazu genommen, habe also in Freiburg fünf Semester Schulmusik und Klarinette studiert. Ich habe dann einen Meisterkurs gemacht bei meinem späteren Lehrer Reiner Wehle in Lübeck und dann habe ich gefragt und er hat gesagt, er würde mich in seine Klasse aufnehmen. Da habe ich gewusst, ich höre mit der Schulmusik auf, gehe nach Lübeck und studiere Klarinette. Das mit dem Dirigieren habe ich aber für mich immer weiter gemacht, habe nach meiner Schulzeit ein Orchester gegründet, habe in Hamburg ein Studentenorchester geleitet, zwei Jahre nachdem ich in Lübeck angefangen habe, und dann hatte ich das immer im Hinterkopf - ‚Mach das doch mit dem Dirigieren’ - und als ich mein Masterstudium fertig hatte und ich gemerkt habe, das kann noch nicht alles gewesen sein, habe ich mich bei Sebastian Tewinkel beworben und habe da die Aufnahmeprüfung zum Master Dirigieren gemacht. Jetzt studiere ich noch Master Dirigieren nebenher, arbeite aber auch als Klarinettist; ich bin in einem Ensemble für zeitgenössische Musik in Leipzig und unterrichte und habe mein Orchester in Hamburg und bin für verschiedene Projekte unterwegs.

Hast du selber einmal in einem Jugendorchester oder -ensemble gespielt?

Ich habe ganz lange im Schulorchester gespielt, das war eine tolle Erfahrung, da habe ich wahnsinnig viel gelernt, und an der Musikschule habe ich auch gespielt, da habe ich schon relativ früh Erfahrungen gesammelt.

Wie gefällt es dir beim LJO?

Mir macht es wahnsinnig Spaß. Es war immer mein Traum mal im LJO zu spielen, es ist ein Jugendtraum gewesen, aber ich habe das Vorspiel nie gemacht, weil ich mir sicher war, dass ich nicht gut genug wäre. Ich weiß im Nachhinein gar nicht, ob das stimmt. Ich habe mich nie getraut. Ich habe mal das BJO gehört, das LJO gehört und das waren für mich alles Götter, da habe ich gedacht: Die haben alle richtig Unterricht. Und insofern ist das hier nachzuholen - so viele Jahre später - an und für sich schon mal toll, natürlich aus einer anderen Perspektive jetzt, aber trotzdem ist das schön. Ich finde es auch toll, mit wie viel Einsatz, mit wie viel Begeisterung hier alle dabei sind. Es ist manchmal natürlich eine andere Welt, man könnte sich sagen, es ist eine Zeit in der so vieles passiert, da ist es vielleicht befremdlich, sich eine Woche nur mit so einem Stück auseinanderzusetzen, nur mit alten Noten, und mit der Frage: Macht man hier crescendo, macht man da crescendo, wie kann man da das legato noch verändern. Aber ich finde es hat auch etwas sehr Tröstliches. Ich finde, das ist eine ganz schöne Arbeit, die auch was ganz Erfüllendes hat, auch für alle zusammen, etwas, das wirklich sinnvoll ist und das alle verbindet und ich finde, es ist eine sehr schöne Atmosphäre hier, so viele tolle Leute, egal ob jetzt bei den Musikern oder bei den Betreuern oder bei uns, es läuft sehr schön und es macht einfach Spaß zu sehen, wie das wächst, wie das jeden Tag besser wird. Du denkst, es geht auf die Konzerte zu und dann hebt das so ab, das finde ich so toll.

Gibt es für dich denn etwas Besonderes an Jugendorchestern, was bei Jugendorchestern anders ist als bei Orchestern aus Berufsmusikern?

Ich behaupte mal, dass alle, die später Musiker werden, die Orchestermusiker werden wollen, die sammeln diese Erfahrungen in ihrer Jugend. Und das Jugendorchester - man erlebt gemeinsam was - das ist wie ein großes Abenteuer. Das ist so: Alle geben 120 Prozent Einsatz, es ist so eine spannende Zeit, man ist zusammen mit Leuten, die einen auch verstehen. Ich kenne das auch selber: Man fühlt sich ja manchmal so fremd in seiner eigenen Haut als Musiker und denkt immer, man ist ein Alien, wenn man in der Schule ist. Alle anderen beschäftigen sich mit ‚normalen‘ Sachen, Sport, Autos und du beschäftigst dich mit deinem Instrument. Und dann gibt es da Gleichgesinnte in so einem Orchester und alle sind da und du merkst: Ich bin gar nicht alleine. Das ist allein schon mal toll. Und aus diesem Gefühl heraus entsteht etwas, das unheimlich viel Power hat. Beim Profiorchester, da muss man sich damit auseinandersetzen, dass du das dann jeden Tag machst und das war früher vielleicht mal deine Leidenschaft, und vielleicht ist es auch immer noch deine Leidenschaft, aber es ist dann ein Stück weit zu deinem Alltag geworden und das ist nicht mehr das Gleiche und deshalb hat auch eine Arbeit mit einem Profiorchester nicht mehr diese Form von Einmaligkeit und ‚Ich geh da hin und ich geb´ alles‘, denn ich muss auch einfach überlegen: Was gibt´s heute Abend zu essen? Wie versorge ich meine Kinder? Der Alltag spielt da so rein und hier gibt es in diesem Sinne erst einmal zehn Tage lang keinen Alltag.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Emanuel!

Das Interview führte Katharina Glose