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"Alles ist neu und möglich": Ein Interview mit Barbara Kuster, Dozentin im Kammermusikzentrum
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16.September 2016   Kammermusikzentrum NRW

Barabara Kuster, Geigerin im Asasello Quartett und Dozentin im Kammermusikzentrum NRW, spricht über die Besonderheit von Kammermusik, erzählt von ihrer eigenen Biografie als Musikerin und stellt die Besonderheit der Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen heraus.

Warum arbeiten Sie als Kammermusikerin und nicht im Orchester?

Daran war vermutlich mein Wunsch nach Vielseitigkeit und Selbstständigkeit schuld. Mir sind Dinge wie Flexibilität auch in der Rollenverteilung unglaublich wichtig und ich mag es, wenn ich die Leute, mit denen ich zusammenarbeite, sehr gut kenne. Das ist im Orchester natürlich auch möglich, aber vielleicht nicht so intensiv wie in der Kammermusik. 

Gab es ein Schlüsselereignis, nach dem Sie wussten, dass Sie Musikerin werden wollen?

Ja, wahrscheinlich schon: Das waren dann wohl meistens Ereignisse, bei denen ich selbst auf der Bühne stand. Ich habe mich nie direkt allein als Geigerin gesehen, sondern einfach als musikalischen Charakter, oder so ähnlich. Wir mussten mal einen Aufsatz für die Schule schreiben, in dem es darum ging: „Was will ich werden?“ Ich habe mich während Probearbeiten auf der Bühne beschrieben und durch das Verschriftlichen dieser Vorstellung angefangen darüber nachzudenken, was ich wirklich machen will. Auch als ich in der Aufnahmeprüfung zum Violinstudium gefragt wurde, was ich denn in meiner musikalischen Zukunft mit meiner Geige anfangen will, habe ich einfach „Kammermusikerin“ gesagt – ohne vorher wirklich ernsthaft darüber nachgedacht zu haben. Danach habe ich erst angefangen, darüber nachzudenken und auch gleich Quartett gespielt. Ich habe einen Unterrichtsjob an der Musikschule Basel abgelehnt, um ganz für das Quartettspiel da zu sein. 

Wie sind Sie zum Kammermusikzentrum gekommen? 

Vor drei Jahren wurde mein ganzes Quartett angefragt; ich habe den ersten Kurs mitgemacht und bin dabei geblieben. Die Zusammenarbeit mit Harriet Oelers und den jungen Leuten hat von Anfang an gepasst. Man muss kein fertig ausgebildeter Musiker sein, um Quartett spielen zu „dürfen“. Das ist eine - mit Verlaub - altmodische Vorstellung. Mit vernunftbegabten, grundsätzlich musikalischen Menschen ist doch sofort riesiges „Musikpotential“ da. Ich glaube einfach, dass im pädagogischen Bereich Kammermusik noch so viel herauszuholen ist jenseits von der Retorten-Streichquartett-Zucht und einem völlig irrwitzigen Perfektionswahn. 

Sie sind ja auch Mitglied im künstlerischen Beirat. Was ist da Ihre Aufgabe?

Ich sehe meine Aufgabe darin, mich mitzuteilen und einzubringen, neue Ideen auch zu Ende zu formulieren. Gedanken von Nicht-Mitgliedern einzubringen, zuhören, weiterdenken. Alles zusammentragen, was mir so im Kopf herumschwirrt. Und vielleicht auch ein bisschen für die junge Kammermusik kämpfen?

Was macht für Sie die Arbeit als Dozentin für Ensembles mit Kindern und Jugendlichen aus und unterscheidet sie zum Beispiel von der Arbeit mit Erwachsenen?

Die junge Menschen hier haben diese unendliche Kraft sich voll und ganz hineinzuschmeißen, sich enorm zu konzentrieren, da sind drei Stunden Beschäftigung mit Feinheiten kein Problem. Außerdem sind sie mutig, humorvoll und im Vergleich zu manchen Erwachsenen nicht vorbelastet. Alles ist ja neu und möglich. Großartig. Ich sage immer: als junger Musiker kann man eigentlich alles, man weiß es nur noch nicht. Und wenn man beginnt zu ahnen, übt man eben.

Welche Stücke aus der klassischen Musik mögen Sie besonders gerne? Und gibt es im Gegenzug dazu auch Stücke, die Sie überhaupt nicht mögen? 

Wahrscheinlich Favoriten aus der Kindheit… auf jeden Fall die „Zauberflöte“. Auch die Chaconne von Bach. Wenn ich jetzt nachdenke, finde ich natürlich, dass es gerade für Streichquartett viele großartigste Stücke gibt: viele Komponisten haben ja – wenn’s ihnen echt ernst war - für Streichquartett geschrieben. Das ist vielleicht dann nicht so zum mitsingen, aber die Haltung, die Grundenergie macht es aus. Ich finde es spannend, anhand der Musik einen Menschen zu erkennen, ein Denken und Fühlen. Dabei spielt es mir überhaupt keine Rolle, wann ein Stück geschrieben wurde. Dieser Blödsinn mit Neuer und Alter Musik… Was ist denn modern? Verstehen wir etwa die späten Beethovenquartette?! Und natürlich gibt es auch Stücke und Komponisten, die ich nicht so mag. So reißerisches opportunistisches Zeug. Aber da nenne ich jetzt keine Namen (lacht)!

Das Interview führte Hilde Anders.